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Reformationstag und Halloween

Halloween einmal anderes gesehen – ein Erfahrungsbericht von Amely Lißner, Schulpastorin aus Buxtehude

Mit Halloween kann ich und konnte ich nie etwas anfangen. Mal ganz unabhängig von den fragwürdigen Inhalten des Tages verdrängt dieses „Fest“ den Gedenktag der Reformation; wird gepuscht vom Handel, damit die Leute ihr Geld loswerden; verbunden mit geradezu erpresserischen Aktionen („Süßes, sonst gibt’s Saures!“), die bei Nachbarn z.T. zu mit Eiern beschmierten Fenstern oder Nägeln auf dem Fußweg führten – das ist alles einfach ärgerlich. Irgendwie verständlich, wenn, wie in den USA, Eltern inzwischen die Süßigkeitenausbeute ihrer Kinder genauestens inspizieren müssen, da manche wütenden Mitbürger den Spieß umdrehen und z. B. kleine, gemeine Nadeln in den Schokoriegeln verstecken.

Wisst ihr, was heute für ein Tag ist? - Donnerstag, Halloween ...

Als Mutter von zwei Kindern musste ich mich zähneknirschend irgendwann irgendwie zu Halloween verhalten. Als Kompromiss gibt’s bei uns seit Jahren einen ausgehöhlten Kürbis vor der Haustür; allerdings mit runden Augen und einem Lächeln im leuchtenden Gesicht. Und wenn es am 31.10. abends an der Tür klingelt, dann schnappe ich mir den Korb mit Süßigkeiten – und drehe den Spieß auf meine Weise um: „Also, ihr könnt gerne was von den Süßigkeiten haben, aber nur, wenn ihr mir verratet, was heute für ein besonderer Tag ist!“ Und dann kommt meistens nach ein paar erfolglosen Versuchen („Halloween!“, „Donnerstag!“) und kleinen Starthilfen („Habt ihr denn auch Religion in der Schule?“) irgendein Kind auf die Idee, sich an Martin Luther oder „den Mönch mit den 99 Geboten“ oder sogar an das Wort „Reformation“ zu erinnern – immer ein bisschen abhängig vom Alter. Zu den Lutherbonbons gibt’s dann von mir noch einen Merkzettel mit dem Hinweis auf die nächste TV-Ausstrahlung des Lutherfilms von Eric Till. Um ehrlich zu sein: In den letzten Jahren kamen keine Kinder mehr; das war ihnen wohl zu anstrengend an unserer Haustür geworden.

„Wir sind heute nur hier, um euch etwas zu schenken!“

Foto: Gert Schmidinger / PIXELIO

Zum grundsätzlichen Umdenken hat mich dann vor drei Jahren eine Begegnung geführt, die ich an Halloween im Haus meiner Schwiegereltern machte. Meine Schwiegereltern leben in den USA, in der Nähe von Atlanta, und sind römisch-katholisch – von daher hatte ich ohnehin mit keiner protestantischen Widerständigkeit gerechnet. Resigniert blickte ich auf den riesigen Behälter voller Süßigkeiten, die meine Schwiegermutter an die Tür stellte – in freudiger Erwartung auf all die kleinen „Trick or Treats“-Erpresser in ihren hübschen bunten Verkleidungen.

Als es schließlich wieder klingelte, geschah allerdings etwas äußerst Ungewöhnliches: Meine Schwiegermutter wurde ihre Süßigkeiten nicht los! An der Tür stand eine freundliche schwarze Lady mit zwei verkleideten Kindern, die ein Lied sangen. Das Mädchen erklärte daraufhin, sie wolle uns gerne etwas schenken. Dann reichte sie uns lächelnd einen gefüllten Beutel und verabschiedete sich mit: „God bless you!“ Bevor sie entschwanden, konnten wir noch erfahren, dass sie von einer South Baptist Church kamen. Aber sie weigerten sich ganz entschieden, irgendetwas entgegenzunehmen. „Wir sind heute nur hier, um euch etwas zu schenken!“
In dem Beutel fanden wir dann verschiedene nützliche Kleinigkeiten, aber mit einer eindeutigen Botschaft. Auf einem Kühlschrankmagneten in Kürbisform stand: „God loves you!“; ein Lesezeichen vermittelte, wie man das Aushöhlen eines Kürbis mit passenden Bibelstellen verbunden, zu einer persönlichen Meditation gestalten konnte; ein anderer großer Kühlschrankmagnet enthielt eine Liste mit Notrufnummern – mit ausgefüllten Zeilen (Polizei, Feuerwehr, Psalm 50,51) und zum selber Ausfüllen (Hausarzt, Pastor, Kirchengemeinde) sowie einem kurzen Gebet; ein Notizblock in Kürbisformat mit einem Bibelvers, ein Rezept für ein glückliches Leben (mit biblischen Zitaten), ein Kugelschreiber mit dem Namen der Kirchengemeinde; auch einige Bonbons lagen darin. Irgendwo tauchte der Begriff Reformation auf, aber daran kann ich mich nicht mehr so genau erinnern: Zu stark war der Eindruck entgegen aller Erwartung etwas geschenkt zu bekommen, ohne irgendeine Gegengabe. Wir waren total begeistert!

Einen Beutel voller „himmlischer“ Leckereien

Auf dem Hintergrund dessen, womit ich an Halloween gerechnet hatte, hob sich diese Aktion besonders wohltuend ab. Ich fand es klug von der Lady und ihren Kindern, dass sie zum Teil zwar halloweenmäßig verkleidet waren, sich aber nur ganz kurz an der Haustür aufhielten und bewusst nichts annahmen. Statt zähneknirschend kleine Gruselgestalten zu ertragen, denen man die gewünschten Süßigkeiten geben musste, damit einen nicht das Fegefeuer beschmierter Fensterscheiben oder zugeklebter Türklingeln erwartete, erhielten wir – sola gratia – einen Beutel voller „himmlischer“ Leckereien. Der Segenswunsch dazu schenkte ein Stück geistliche Nahrung. Ich denke, dass selbst jemand, der mit dem Inhalt des Beutels wenig anfangen könnte, doch über die unerwartete Gabe erfreut gewesen wäre: Ich schenke dir etwas, weil du es wert bist – diese Botschaft war nicht zu überhören.

Mir ist durch diese Begegnung deutlich geworden, dass Halloween uns eine wunderbare Gelegenheit bietet, die Botschaft des Evangeliums weiterzugeben. Statt gegen Halloween zu wettern, sollten wir kirchlicherseits überlegen, wie wir Elemente dieses Spektakels aufnehmen und umdrehen könnten: Warum nicht mal einen Halloween-Abend gestalten, an dem man gemeinsam Kürbisse aushöhlt und dazu über verschiedene Bibelstellen spricht – Gibt es Gedanken in mir, von denen ich mir wünsche, dass Gott mich von ihnen reinigt? Könnte Gott mir meine Augen öffnen , so dass ich besser wahrnehme, was um mich herum los ist? Leuchtet die Freude über Gottes Botschaft von innen aus mir heraus? – um dann gemeinsam eine leckere Kürbissuppe zuzubereiten und zu genießen. Oder überhaupt die Idee der Baptistengemeinde aufnehmen und an Halloween von Tür zu Tür gehen, um Menschen mit der Botschaft des Evangeliums zu überraschen. Die Aktion war ein gelungener Entwurf dafür, wie Halloween-Motive aufgenommen werden können, um das Evangelium zur Sprache zu bringen.

 
Foto: privat